Rückblick auf die Fashion Revolution Week
Letzte Woche fand die Fashion Revolution Week statt, eine jährliche Kampagne, die darauf abzielt, das Verbraucherbewusstsein für die Auswirkungen der Modeindustrie auf die Umwelt und die Arbeitsbedingungen in den Lieferkette zu schärfen.
Die Fashion Revolution Week findet jedes Jahr rund um den Jahrestag des Einsturzes von Rana Plaza in Bangladesch statt. Der Einsturz der Textilfabrik, bei dem 1.138 Menschen ums Leben kamen, ereignete sich am 24. April 2013 und jährt sich 2026 zum dreizehnten Mal. Das Ereignis ist weiterhin ein zentraler Bezugspunkt der Debatte über globale Lieferketten. Für uns Anlass nachzufragen: Was hat sich seitdem tatsächlich verändert?
Dieser Blogbeitrag basiert auf einem Blogpost aus dem Jahre 2023, den wir zusammengestrichen und um einige interessante Fakten zur lokalen Fashion Revolution Week Chemnitz ergänzt haben.
Fabrik Rana Plaza
Der Fabrik Rana Plaza wurde vom einheimischen Unternehmen New Wave Bottoms Ltd. betrieben, das heute seinen Hauptsitz in Dhaka hat. Zu seinen Kunden gehörten auch deutsche Firmen.

Sean Robertson, Rana Plaza, CC BY-SA 4.0
Wir haben ein Foto aus dem Jahre 2012 gefunden, das die Baufälligkeit des Gebäudes erahnen lässt. Nach dem Zusammensturz wurde das Gebäude wurde nicht wieder aufgebaut.
Das ehemalige Firmengelände ist heute eine begrünte Fläche. Ein Denkmal in unmittelbarer Nähe erinnert an das Unglück. Wir haben von dem Gelände keine frei verwendbaren Fotos im Internet gefunden haben. Street View Aufnahmen bei Googlemaps geben aber einen guten Einblick in das Umfeld. Schaut ruhig mal rein.
Fashion Revolution Week
Die alljährliche Kampagne Fashion Revolution Week wurde erstmalig Im Jahr 2014 von der gemeinnützigen Organisation Fashion Revolution ins Leben durchgeführt. Die Organisation Fashion Revolution wurde am 18. April 2013 von beiden britischen Designerinnen Carry Somers und Orsola de Castro gegründet, hat seinen Sitz in London und finanziert sich durch Spenden und Sponsoring von Einzelpersonen, Unternehmen, Stiftungen und öffentlichen Institutionen. Fashion Revolution will über die Auswirkungen der Fast Fashion auf Umwelt und Menschen aufklären und Unternehmen dazu zu bewegen, transparenter und ethischer zu produzieren.

Ministerio de Cultura de la Nación, Carry Somers Fashion Revolution, CC BY-SA 2.0
Sowohl Carry Somers als auch Orsola de Castro kommen aus der Modebranche. Carry Somers gründete 1997 zusammen mit Matthew Slotover die Zeitschrift "AnOther Magazine", die bis heute besteht. Orsola de Castro gründete 1997 zusammen mit Filippo Ricci das Label "From Somewhere", das auf nachhaltige Mode aus recycelten Materialien spezialisiert war und seine Geschäftstätigkeit 2015 einstellte.
Was hat sich in Bangladesch verändert?
Die Katastrophe von Rana Plaza führte zu tiefgreifenden Reformen. Sicherheitsstandards wurden deutlich verbessert. Von staatlicher Seite wurden Gesetze und Vorschriften erlassen, um die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie zu verbessern und die Sicherheitsstandards zu erhöhen. Auch viele Textilunternehmen haben Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen verstärkt.
Lohnentwicklung
Der staatliche Mindestlohn in der Textilindustrie wurde angehoben - zuletzt Ende 2023 von 8.000 auf 12.500 BDT erhöht – die größte Anpassung seit einem Jahrzehnt. Der Durchschnittslohn in der Textilindustrie stieg ebenfalls. Erstaunlich hierbei ist, dass er über weite Strecken unter dem Landesdurchschnitt lag, obwohl die Textilindustrie in Bangladesch stark exportorientiert ist. Hier spielt offensichtlich der Mangel an Alternativen eine Rolle für die Arbeitnehmer und ein hoher Wettbewerbsdruck bei den Unternehmen.
Entwicklung der Kaufkraft
Die reale Kaufkraft hat sich zuletzt weniger positiv entwickelt als die Löhne vermuten lassen. Ursachen hierfür sind:
- steigende Lebensmittelpreise (insbesondere Reis)
- eine deutliche Abwertung der Landeswährung (Taka)
- globale Inflationseffekte.
Nomimal steigen die Löhne - real stagnieren oder sinken sie in bestimmten Betrachtungszeiträumen jedoch auch. Ein Vergleich der Kaufkraft für Grundnahrungsmittel gleicher Kohlenhydratmenge zwischen Deutschland (1 kg Mischbrot) und Bangladesch (640 g ungekochter Reis) zeigt
- für Bangladesch reale Kaufkraftzuwächse von für die Zeit von 2001 bis ca. 2018 und danach ein Stagnation
- für Deutschland bei deutliche höherer Kaufkraft moderate Kaufkraftverluste über dem gesamte Zeitraum.
Was hat sich in Deutschland geändert?
Der Einsturz von Rana Plaza hat in Deutschland und weltweit für großes Aufsehen und Empörung gesorgt. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher waren schockiert über die Arbeitsbedingungen und die Ausbeutung in der Textilindustrie und haben sich für mehr Transparenz und Nachhaltigkeit in der Modeindustrie eingesetzt.
Anpassungen bei den Modelabels
Viele der großen Modelabels haben eigene nachhaltige Modelinien auf den Weg gebracht. Daneben gibt es auch viele Modelabels, die sich von Anbeginn an ausschließlich fairer und nachhaltiger Mode verschrieben haben und die in den letzten zehn Jahren stärker in den Fokus gerückt sind. Beispielhaft genannt seien die deutschen Labels Armedangels, Jan 'n June, Lanius, recolution und Greenbomb.
Die Nachfrage nach fairer und nachhaltiger Mode hat sich erhöht, was sich u.a. auch in Etablierung der ausschließlich auf faire & nachhaltige Mode ausgerichteten Verkaufsplattform Avocadostore manifestiert.
Anpassungen im Verbraucherverhalten
Das Verbraucherverhalten ist neben technologischem Fortschritt letztlich der entscheidende Punkt, wenn es darum geht Veränderungen in der Modeindustrie herbeizuführen, weil das Verbraucherverhalten den Bedarf formiert, den Modelabels und Hersteller bedienen bzw. dem sie sich nur bedingt entziehen können. Wir haben zumindest für Deutschland über die letzten 30 Jahr folgendes festgestellt:
- Der Anteil der Rubrik „Bekleidung & Schuhe“ an den privaten Gesamtausgaben (%) ist gesunken.
- Die Anzahl der verkauften Kleidungsstücke pro Einwohner ist nur geringfügig gestiegen und stagniert seit 15 Jahren.
Außerdem hat sich die Einstellung zum textilen Konsum verändert. So hat beispielsweise die Wichtigkeit von Nachhaltigkeit, Umweltverträglichkeit und fairen Arbeitsbedingungen deutlich erhöht. Auch der Secondhand Markt hat in den letzten Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen und verzeichnet stärker Zuwachsraten als der klassische Einzelhandel.
Was hat sich weltweit verändert?
Die Gesamtmenge der produzierten textilen Fasern verfünffachte sich von 1975 bis 2018 auf ca. 100 Mio. Tonnen, wovon 90% zu Bekleidung verarbeitet werden. Im gleichen Zeitraum verdoppelte sich die Weltbevölkerung in etwa auf knapp 8 Mrd. Menschen. Die produzierte Fasermenge wuchs im Betrachtungszeitraum potential, mit annähernden Verdoppelungen von 1975 zu 1995 und von 1995 bis 2015, also in etwa doppelt so schnell wie die Bevölkerungsanzahl, was sich u.a. auch mit einer angestrebten Angleichung des Lebensniveaus zwischen Industrieländern und ehemaligen Entwicklungsländern zu begründen ist.
Das am stärksten wachsende Segment der textilen Fasern fällt auf Polyester, dessen Produktionsmenge sich von 1975 bis 2018 um den Faktor 18 auf ca. 55 Mio. Tonnen steigerte und damit ca. 50% aller produzierten Fasern ausmacht.
Fashion Revolution Germany Chemnitz
Die Fashion Revolution hat einen deutschen Ableger und sogar eine lokale Organisation in Chemnitz, die man unter dem Namen Fashion Revolution Germany Chemnitz finden kann und die hier gelistet ist. Wir haben an verschiedenen Veranstaltungen teilgenommen und viel Interessantes für uns mitgenommen.
Den Auftakt bildete am Freitagabend die Diskussionsrunde „Wohin mit meiner Kleidung?“, in der gemeinsam über den Umgang mit Altkleidern gesprochen wurde. Besonders bereichernd war der offene Austausch über persönliche Erfahrungen, lokale Abgabemöglichkeiten und konkrete Strategien zur Vermeidung von Textilmüll. Dabei wurde deutlich, wie groß der Wunsch nach praktikablen, nachhaltigen Lösungen im Alltag ist.
Am Sonntag folgte mit „From Hoodie to Hell“ ein eindrucksvoller Vortrag, der die oft unsichtbaren Wege unserer Kleidung nach der Entsorgung beleuchtete. Anhand anschaulicher Beispiele wurde gezeigt, welche globalen Verflechtungen hinter Altkleidersammlungen stehen. Erstaunt waren wir über die industrielle Grobeinteilung in A, B, C - Ware (für den Weiterverkauf mit Ziel Deutschland, Osteuropa und Länder der sogenannten 3.Welt) und in einen reinen Recyclingpart (zur Weiterverarbeitung zu Dämm- und Füllmaterialien). Dabei wurde dargestellt, dass besonders die C-Ware vorort Problem hervorruft und teilweise lokal zu Vermüllung führt.
Wir nahmen auch am Abschlusstreffen der Fashion Revolution Week teil und waren beeindruckt von den gezeigten in Eigenregie upcycelten Kleidungsstücken, den vielen Fachbücher zu Mode und Modelabels und den mitgebrachten Suppen, Salaten und Snacks.
Die Zukunft kann neben dem privaten #reduse #reuse #recycle vermutlich hauptsächlich in zwei Bereichen liegen:
- Steigerung der Cellulosemischfasern, d.h. von industriell herstellbaren chemischen Fasern aus dem nachwachsenden natürlichen Rohstoff Holz
- Steigerung des Recyclinganteils von vorhandenen Fasern und damit die Rückgewinnung bereits vorhandener Ressourcen.
Links
Greenpeace (2022), Nachhaltigkeit ist tragbar
Glaukos Projekt (2020), Market Study on Materials Used in the Textile and Sport Industry
Webseite der Organisation Fashion Revolution Germany
Instagram von Fashion Revolution Germany Chemnitz
Webseite von UNDOYARN