Banner

Was ist ein Fairer Lohn?

Im längst vergessenen Jahr 1986 fuhr ich mit dem Zug von Moskau nach Prag und traf zwei Bayern, die in den letzten fünf Monaten in Asien unterwegs gewesen waren. Sie hatten dabei eine Summe verbraucht, die ich nach damaligem Stand der Dinge in meinem Leben nicht erarbeiten können würde. Doch nicht das war es, was beeindruckte. Sie lobten ihre Wintermäntel, die sie in China erstanden hatten. Vollwertiger gute Wintermäntel für 3,50 DM!


Das lag wohl daran, dass das China des Jahres 1986 noch nicht wirklich in die Weltwirtschaft integriert war. Sie hätten ebenso auf dem Mond gewesen sein können. Der Preis für diese Wintermäntel war reiner Zufall und sagte rein gar nichts darüber aus, wie gut oder schlecht die Menschen, welche diesen Mantel genäht hatten, mit ihrem Lohn auskamen, oder, ob die Fabriken, in denen die Menschen beschäftigt waren, wirklich kostendeckend wirtschafteten. Offensichtlich haben sie es getan, weil China ist heute wirtschaftlich bedeutender als es das im Jahre 1986 gewesen sein mag.

z.B. Bangladesh

Vor einem Jahr sahen wir einen Vortrag von zwei Chemnitzer Studentinnen, die in Bangladesh bei einer Partneruni gewesen waren und als Einstieg die Frage stellten, wie hoch wir den Arbeitslohn einer Näherin in Bangladesh einschätzen würden. Ich lag mit meiner Schätzung deutlich zu niedrig. Der reale Lohn entsprach in etwa dem Lohnniveau des postsowjetischen Raumes Ende der Neunziger Jahre.

Meine nächste Frage lautete, wieviel mehr die Näherinnen im Vergleich zum Durchschnittseinkommen von Bangladesh verdienen würden. Es stellte sich heraus, dass sie das Doppelte bis Dreifache des Durchschnittslohnes verdienten. Trotzdem ist dieser Lohn nach unserem Verständnis nicht fair. Was ist überhaupt fair?


Angaben dazu findet man beispielsweise bei der Kampagne für Saubere Kleidung, c/o Vereinte Evangelische Mission VEM in Wuppertal. Diese Organisation gibt es seit 1996. Sie ist Teil des internationalen Netzwerks der Clean Clothes Campaign (CCC), die 1989 in den Niederlanden ins Leben gerufen wurde.

Die Kampagne für Saubere Kleidung ist ein Netzwerk, das sich für die Rechte der Arbeiter*innen in den Lieferketten der internationalen Modeindustrie einsetzt. Wir wollen eine Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen für die Beschäftigten in der Textil-, Sport-, Schuh- & Lederindustrie weltweit vorantreiben.

Wir über uns, Kampagne für Saubere Kleidung

Die Kampagne für Saubere Kleidung hat auf ihrer Seite Daten zu Mindest- und Existenzlöhnen und insbesondere eine Berechnungsgrundlage für letztere veröffentlicht.

Was ist ein Mindestlohn?

Der Mindestlohn stellt das kleinste rechtlich mögliche und in der Höhe fixierte Arbeitsentgelt dar. Wir kennen gesetzliche und tarifvertragliche Mindestlöhne. Mindestlöhne haben ein lange Geschichte. Amsterdam machte als erste Stadt die Vergabe von öffentlichen Aufträgen von Mindestlohnzahlungen abhängig. Die International Labour Organization (ILO) drittelparitätisch besetzt mit Vertretern von Gewerkschaften, Arbeitgebern und den Staaten, beschloss mehrere Internationale Arbeitskonventionen über Mindestlohnregelungen – 1928 die Minimum Wage Fixing Machinery Convention (No. 26), 1951 die Minimum Wage Fixing Machinery (Agriculture) Convention (No. 99) und schließlich 1970 die Minimum Wage Fixing Convention (No. 131). Mehr zum Mindestlohn bei Wikipedia.

2000px-Map_of_global_minimum_wages_per_hour_in_USD
Mindestlöhne weltweit

Was ist ein Existenzlohn?

Laut Wikipedia:

Als Existenzlohn, englisch „living wage“, wird ein Familieneinkommen bzw. ein Lohn in der Höhe verstanden, die nicht das bloße physische Überleben, sondern die Existenz einschließlich sozialer und kultureller Teilhabe sichert. Der Existenzlohn ist begrifflich unterschieden vom Mindestlohn, da dieser eine gesetzliche Lohnuntergrenze formuliert. Existenzlohn und Mindestlohn können in der Höhe zusammenfallen.

Existenzlohn, Wikipedia

Die Begrifflichkeit des Existenzlohnes geht bis auf Adam Smith zurück, der die Position vertrat, dass die Arbeiter einen angemessenen Betrag für die von ihnen geleistete Arbeit erhalten sollten, der über die bloße Selbsterhaltung hinausgehe, so dass aus derartigen Löhnen neben Gerechtigkeit und sozialem Zusammenhalt auch wirtschaftliches Wachstum entstehe könne.

Wie erfolgt die Berechnung des Existenzlohnes für Textilarbeiter:innen?

Laut Kampagne für Saubere Kleidung ist ein Lohn existenzsichernd, wenn er ausreicht, um die Grundbedürfnisse einer Arbeiterin und ihrer Familie (Essen, Wohnen, Medizinische Versorgung, Bildung, Kleidung, Transport) zu decken und ein gewisses, frei verfügbares Einkommen übrig lässt.

                       

Er muss konkret:

  • die Grundbedürfnisse (Essen, Wohnen, Medizinische Versorgung, Bildung, Kleidung, Transport) einer Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern decken
  • zusätzlich ein frei verfügbares Einkommen für unvorhergesehene Ausgaben übrig lassen, das mindestens 10 % des Geldbedarfs zur Deckung der Grundbedürfnisse entspricht;
  • für alle Beschäftigten gelten, d. h. es darf keine tieferen Löhne geben; in einer Standardarbeitswoche von maximal 48 Stunden erwirtschaftet werden;
  • der Netto-Grundlohn sein, nach Steuern und gegebenenfalls vor Boni, Zulagen oder Überstundenvergütung.

Der Existenzlohn wird in KKP$ (Kaufkraftparität) berechnet. Dabei handelt es sich um eine fiktive Weltbankwährung, die den Vergleich von Lebensstandards in verschiedenen Ländern unabhängig von nationalen Währungen ermöglicht.

Wie hoch sind Mindest- / Existenzlöhne?

Last but not least hier die Angaben der Kampagne für Saubere Kleidung für existierenden Mindest- und errechnete Existenzlöhne – nicht in KKP$ (Kaufkraftparität), sondern in Euro.

LandMindestlohnExistenzlohnStand
Bangladesch50 €263 €
Kambodscha146 €477 €2018
Indonesien82 €265 €
Indien94 €297 €2018
Türkei334 €1182 €2018
Serbien169 €652 €2017
Bulgarien204 €1112 €2018
Ukraine89 €477 €2017
Polen338 €988 €

Wie man sieht, gibt es eine große Lücke zwischen Mindest- und Existenzlöhnen. Die Kampagne für Saubere Kleidung hat diese Lohnlücke für Osteuropa zusammengefasst und in der folgenden Darstellung graphisch aufbereitet:

Lohnlücke zwischen gesetzlichem Mindestlohn und errechnetem existenzsicherndem Lohn für Osteuropa
(Quelle: https://saubere-kleidung.de/lohn-zum-leben/europa/)

Folgende Punkte sind uns beim Lesen der Webseite aufgefallen:

  • Die ermittelten existenzsichernden Löhne dürften für einige Länder höher als die Durchschnittslöhne in diesen Ländern sein. Das Problem einer fairen Entlohnung ist somit viel tiefgreifender.
  • Die Kampagne für Saubere Kleidung hat große Modefirmen zum Thema Faire Löhne befragt und im Ergebnis die Studie Firmencheck: Wie fair zahlt deine Marke? herausgebracht. Betrachtet werden in dieser Studie die großen Marken der Modeindustrie. Angaben zu Labels aus der Fair Fashion Branche fehlen.

Links:

Wikipedia zum Mindestlohn
Wikipedia zum Existenzlohn
Kampagne für Sauber Kleidung
Firmencheck: Wie fair zahlt deine Marke

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.